Buch: Kanon Verlag, 978-3-98568-190-7, 2025, EUR 24,00
e-book: Kanon Verlag, 978-3-98568-191-4, 2025, EUR 19,99
Das kennen Sie vielleicht auch noch - Träume von schönen Gemeinschaften. Als Kind wollte ich unbedingt in ein Internat. Bei Dolly und Hanni und Nanni hörte sich das alles so toll an - Gemeinschaft, Abenteuer und Geborgenheit. Zum Glück habe ich irgendwann mitbekommen, dass die Realität doch ganz anders aussah.
Ähnlich ging es mir in den 70er Jahren. Ich hatte von den Kibbuzim in Israel gehört. Ich stellte mir die Gemeinschaft einfach toll vor. Ich, das Einzelkind, hätte plötzlich so etwas wie ganz viele Geschwister. Und das Leben dort wäre gerecht, weil alle gleich sind. Der Traum ist zwischenzeitlich bei mir in Vergessenheit geraten, aber immer wieder denke ich einmal darüber nach, einen Kibbuz wenigstens einmal zu besuchen. Und da passte es gut, dass ich per Zufall das Buch „Wir waren die Zukunft - Leben im Kibbuz“ von Yael Neeman entdeckt habe. Und auch hier stellte es sich anders dar, als ich es mir naiver weise vorgestellt hatte.
Die Autorin Yael Neeman wurde 1960 in dem Kibbuz Yechiam geboren und hat bis zu ihrem 21. Geburtstag dort gelebt. 2011 hat sie als 51jährige ihre Erinnerungen auf Hebräisch verfasst, auf Deutsch ist das Buch jetzt erstmalig 2025 erschienen. Nachdem sie den Kibbuz verlassen hat, hat sie hebräische Literatur und Philosophie studiert. Inzwischen hat sie 5 Romane, Theaterstücke und Sachbücher geschrieben, die es leider nicht auf Deutsch gibt, ebenso wie ihre 2024 verfasste Studie „Warst du gut oder warst du böse?“ zum Thema über die Auswirkungen gemeinschaftlicher Kindererziehung und kollektiver Bildung in Kibbuzim.
In ihrem Buch erzählt Yael Neeman einiges zur Gründung des Kibbuz Yechiam, welches ganz im Norden Israels dicht an der Grenze Libanons liegt. Sie geht aber nicht näher auf die Zeit 1948 ein, in welcher der Kibbuz von arabischen Truppen angegriffen wurde. Hauptsächlich erzählt sie davon, wie das Leben in einem Kibbuz zu ihrer Zeit organisiert war. Die Kinder kamen direkt nach der Geburt sofort in das Kinderhaus und wurden von einer Metapelet (Pflegerin/Betreuerin) versorgt. Die Mütter kamen nur zu festgelegten Zeiten, um ihre Babys zu versorgen. In diesem Kinderhaus blieben die Kinder bis zu ihrem 12. Lebensjahr. Danach zogen sie in Bildungseinrichtungen, die zu den HaSchomer HaZair, der Vereinigung, die die Kibbuzim gegründet haben, gehörten. Dort beendeten sie ihre schulische Laufbahn, leisteten ihren Wehrdienst ab und konnten sich nach einem weiteren freiwilligem Jahr in dem Kibbuz entscheiden, ob sie bleiben oder den Kibbuz verlassen möchten.
Mir war bisher gar nicht bewusst, dass das Leben im Kibbuz vollkommen im Kollektiv aufging. Individualismus war gar nicht möglich, da die Kinder von Anfang an lernten, alles für alle zu machen. Sie hatte schon früh ihre Aufgaben im Kinderhaus, mussten aber auch schon früh verschiedene, dem Alter entsprechende Aufgaben in der Landwirtschaft übernehmen. Die leibliche Familie war vollkommen unwichtig. Ich hätte nicht gedacht, dass sie in jungen Jahren gar keine Entscheidungsmöglichkeiten hatten, wie sie die Gemeinschaft unterstützen wollen. Alles war vorgeschrieben. Selbst bei der Kleidung sahen alle gleich aus. Nichts Schmückendes, was die Persönlichkeit ausgedrückt hätte. Trotzdem sind die jungen Menschen in den Jahren zu selbstständigen Erwachsenen geworden, die sich verliebten, eigene Familien gegründet und sich ihre Arbeit selbst ausgesucht haben.
Inzwischen hat sich die Philosophie des Zusammenlebens in den Kibbuzim geändert. Eine Vielzahl der Chawer (Bewohner eines Kibbuz) wünscht sich aber immer noch die 2-Staaten-Lösung und ein friedliches Zusammenleben mit den Palästinenser. Ich hätte gerne noch ein abschließendes Kapitel darüber gehabt, wie sich das Kibbuz Yechiam in der Zwischenzeit verändert hat. Gerade auch in Bezug auf den 07. Oktober 2023.