Verschwörung im Klassenzimmer“ – ein Fortbildungsangebot für Lehrkräfte zu Verschwörungstheorien und Antisemitismus

16.11.2021

Judenfeindliche Verschwörungserzählungen haben insbesondere im Netz traurige Konjunktur. Aufklärung und Prävention sind wichtiger denn je. Chaverim – Freundschaft mit Israel e.V. engagiert sich mit einem eigenen Angebot, um Lehrkräfte fit für dieses komplexe Thema zu machen. 

Aktuelle Studien zeichnen ein erschreckendes Bild: Judenfeindliche Äußerungen und Vorfälle sind auch an Schulen alles andere als eine Seltenheit. Befragte Lehrkräfte äußern häufig Handlungsunsicherheit und fürchten eine Thematisierung des Nahost-Konflikts. Zugleich droht das reflektierte Wissen über den Holocaust in Teilen der jüngere Generationen zu schwinden. Bereits 2017 konnte in einer repräsentativen Befragung weniger als die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 14 und 16 Jahren korrekt beantworten, was Auschwitz-Birkenau war. Dafür kommen junge Menschen nahezu zwangsläufig mit Verschwörungstheorien und Antisemitismus in Kontakt – in sozialen Netzwerken und auf anderen digitalen Plattformen. 

Der Verein Chaverim – Freundschaft mit Israel e.V. hat vor diesem Hintergrund ein Fortbildungskonzept für Lehrkräfte aus Schleswig-Holstein entwickelt. Die Lehrerinnen und Lehrer sollen in ihrer demokratiepädagogischen Arbeit unterstützt werden – durch Hintergrundwissen, präventiv wirkende Unterrichtsmethoden und die Vermittlung von Ansprechpartnern. 

In diesem Jahr konnten trotz anhaltender Corona-Beschränkungen drei Angebote beim zuständigen Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQ.SH) durchgeführt werden. 

Inhalt und Struktur der Angebote waren weitgehend gleich: 

Zunächst wurden Verschwörungstheorien bzw. -erzählungen konkreter definiert und veranschaulicht, warum es sie überhaupt gibt, welche Funktionen sie also für diejenigen erfüllen, die sie verbreiten, sowie für diejenigen, die an sie glauben. Im nächsten Schritt wurden Merkmale aktuell stark verbreiteter Verschwörungstheorien vorgestellt. Dabei wurde auch deutlich, dass Verschwörungstheorien „multiversonal“ (Michael Butter) sind, d.h. sie existieren zumeist sowohl in einer antisemitischen als auch in einer nicht-antisemitischen Variante. Anschließend konnte in einer Gruppenübung die Konstruktion einer eigenen Verschwörungserzählung erprobt werden. Diese musste dann gegenüber der jeweils anderen Teilnehmergruppe gegen Zweifel verteidigt werden. Auf diese Weise lernen Schülerinnen und Schüler die Argumentationmuster von Verschwörungstheorien kennen. Der Präventionseffekt ergibt sich aus der späteren Wiedererkennung dieser Muster bei Inhalten etwa aus dem Internet. 

Enger Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und Antisemitismus 

Auch für den Antisemitismus lassen sich Formen und Funktionen unterscheiden. Er begegnet uns heute zumeist in einer dieser Varianten: 

1. Als Teil rechtsextremer und islamistischer Ideologie, abwertende Differenzkonstruktion (GMF) und/oder Gewaltakt 

2. Als Kritik der NS-Erinnerung, die ein Profitieren „der“ Juden unterstellt (sekundärer Antisemitismus)

3. Als generalisierende Israelkritik, die etwa das Existenzrecht Israels ablehnt und in pauschaler Weise „die Juden“ allein verantwortlich macht für die Lage in der Region (israelbezogener Antisemitismus) 

In funktionaler Hinsicht lassen sich vor allem folgende Motive unterscheiden:

  • Schuldabwehr bzw. Entlastung – analog zum Geschichtsrevisionismus
  • Erklärung eines als unübersichtlich empfundenen Weltgeschehens – analog zu Verschwörungserzählungen
  • Provokation, Aufmerksamkeit/soziales Kapital
  • Selbstvergewisserung in Differenzkonstruktionen
  • Feindbild-/Sündenbock-Konstruktion 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten so erkennen, wer aus welchen Motiven judenfeindlich agitiert. Die Frage, ob und inwieweit etwa eine bestimmte Äußerung als antisemitisch einzustufen ist, konnte als weitere Unterrichtsmethode getestet werden. Solche Falldiskussionen vermitteln unterschiedliche Perspektiven und machen zugleich eindeutige „rote Linien“ begründet sichtbar. 

Der dritte Teil der Workshops stellte eine Reihe von Handlungsoptionen, Hilfen für den Unterricht und Präventionsangeboten vor. Der pädagogische Umgang mit Antisemitismus, so wurde deutlich, kann sich unmöglich auf die Abhandlung der NS-Zeit im Geschichtsunterricht beschränken. Auch klassische Menschenrechtspädagogik greift angesichts der Spezifika des Antisemitismus zu kurz. Angesichts der Virulenz antisemitischer Gesinnungen und Denkmuster auch und vielen Schülerinnen und Schülern ist die Notwendigkeit pädagogischer Prävention und Intervention offenkundig. 

Chaverim – Freundschaft mit Israel e.V. ist vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen bemüht, das Fortbildungsangebot fortzusetzen und wenn möglich sogar auszubauen.

 

Dirk Burmester