Buch: Diogenes, 978-3-257-07378-2, 2026, EUR 26,00
e-book: Diogenes, 978-3-257-61608-8, 2026, EUR 22,99
Viele von Ihnen werden den Schweizer Autoren Charles Lewinsky wahrscheinlich bereits kennen. Spätestens seit 2006 seine Familiensaga „Melnitz“ erschienen ist. Er war mehrfach für den Schweizer und den Deutschen Buchpreis nominiert, ging allerdings bisher leer aus. Mir hat eine Freundin vor einigen Jahren seinen Roman „Gerron“ empfohlen. Ich habe es damals gekauft, aber bisher steht es ungelesen im Regal. Das wird sich hoffentlich demnächst ändern, denn „Eine andere Geschichte“ – mein erstes Buch des Autors – gefällt mir ausgesprochen gut.
In „Eine andere Geschichte“ geht es um Curtis Melnitz. Ob dieser Curtis Melnitz tatsächlich ein direkter Nachfahr der Familie Melnitz ist, ist nicht so ganz klar. Und eigentlich heißt er auch gar nicht Curtis Melnitz sondern Kurt Chmelnitzki. Doch als er in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist, hat er seinen Namen amerikanisiert. Diesen Namen konnten sich die Amerikaner besser merken und auch besser aussprechen.
Wie Sie dem Klappentext bereits entnehmen konnten, muss Curtis Melnitz regelmäßig einen Psychiater besuchen, damit er seine Schlaftabletten bekommt, von denen er inzwischen abhängig ist. Er hat nämlich immer wiederkehrende Albträume. Von den Tabletten bekommt allerdings immer nur eine kleine Menge. Und dafür muss er sich zweimal die Woche auf die Couch von Dr. Cowan legen und aus seinem Leben erzählen. Ob er nur aus gesundheitlichen Gründen so wenig Tabletten bekommt, oder ob sein Psychiater die Geschichten von ihm so gerne hört, erfahren wir nicht.
Anfangs ist Curtis Melnitz ziemlich genervt davon, dass er seine Tabletten nicht einfach so bekommt. Aber so nach und nach scheint er Gefallen daran zu finden, immer wieder Anekdoten aus seinem Leben zu erzählen. Wir als Leser:innen und auch sein Psychiater wissen nicht, ob er uns immer die Wahrheit erzählt, diese ein wenig biegt, oder sich die Geschichten komplett ausdenkt. Auf jeden Fall scheint er jemand zu sein, der immer wieder auf die Füße fällt, auch wenn er in noch so ausweglosen Situationen gefangen zu sein scheint.
Das Charmante an diesem Buch ist, dass wir immer nur die Seite von Curtis Melnitz hören. Er liegt auf der Couch und schwadroniert so vor sich hin. Ganz selten merkt man, dass sein Psychiater wohl etwas eingeworfen hat, aber das bekommen wir nicht mit. Nur die Antworten von Curtis Melnitz.
Das Buch kann man wunderbar lesen. Ich musste beim Lesen immer wieder schmunzeln und habe mich gefragt, was von diesen Geschichten wohl wahr ist. Oder ob er einfach ein guter Geschichtenerzähler ist. Immerhin kommt er vom Film und weiß, wie man etwas in Szene setzt.
Wir wandern mit ihm durch Berlin, wo er aus einfachen Verhältnissen stammt. Wir lernen einen gewieften, aber charmanten Kleinkriminellen kennen, folgen der Hauptperson in die USA und lernen einiges über seine Ehen und die Welt des Kinos kennen.
Man kann ein wenig zwischen den Zeilen lesen. Dann ahnt man, dass das Leben nicht so leicht für Curtis Melnitz war, wie er es uns weismachen will. Immer wenn es schwierig wird, sagt er „Das ist eine andere Geschichte“. Und er will partout nicht erzählen, was ihm Albträume beschert. Aber zum Ende, als er 83 Jahre alt ist, erfahren wir es doch noch.
Ein charmantes Buch eines modernen Till Eulenspiegels, Graf von Münchhausen, Scheherazade oder „He lücht“. Ein Buch, in dem der Autor uns auf eine ungewöhnliche Reise vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1962 mitnimmt.